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Das Panglas.

Filed under: | Mathias | 03. Dez 2004 | 12:58 Uhr

panglas

Was dem Koch seine Mütze, der Nonne ihr Kreuz, dem Schiedsrichter seine Pfeife, ist dem Kameramann sein Panglas. Manche sagen auch Grauglas oder Betrachtungsglas zu diesem Ding. Ich sage Panglas, weil ich das einerseits so gelernt habe und andererseits auch davon überzeugt bin, dass es von dem wunderschönen fotografischen Fachwort panchromatisch stammt. Damit sind wir auch schon am Knackpunkt dieses Monokels. Das Panglas ist nämlich das Statussymbol für den sogenannten lichtsetzenden Kameramann, dem Häuptling unter den anwesenden Kameraleuten.

Er ist der Pate, der uns beschützt, oder, mit den Füßen in Beton, in den nächsten Fluß werfen läßt. Er wird deshalb lichtsetzend genannt, weil er ganz alleine bestimmt, wieviel Lampen wo und wie hängen sollen und wohin diese mit welcher Intensität gerichtet werden. Dieses kleine dumme Panglas ist also mehr, als nur eine grau eingefärbte Glasscherbe. Sie zeigt allen Anwesenden, wer hier das sagen hat und von machem wird gemunkelt, dass er es selbst zuhause noch unterm Pyjama trägt.

Jedoch genau, wie im richtigen Leben, so sterben auch in unserem Beruf langsam die Silberrückengorillas aus. Heute versteckt die nachrückende Generation fast schon verschämt dieses wichtige Zeichen der Herrschaft in der Brusttasche ihres Flanellhemdes. Mehr noch, man legt neuerdings mehr Wert auf Teamarbeit und Fairness, statt auf Disziplin und Gehorsam. Auch am Statussymbol selbst, wird eifrig gefeilt. Tat es früher noch das klassische Tiffen N°2, das ein bischen, wie eine Minibratpfanne aussieht, rümpft man darüber heute die Nase. Von modernen Lichtsetzenden Kameramännern erwartet man, dass sie wenigstens ein Glas von Harrison & Harrison ans begnadete Auge führen. Ist zwar doppelt so teuer, dafür erhält man aber auch eine coole Gliederkette, statt eines schnöden Nylonbandes.

Was aber, verdammt nochmal, macht man nun mit diesem bescheuerten Panglas?

Man benutzt es, wie eine sehr, sehr starke Sonnenbrille und schaut damit direkt in den Lichtkegel einer Lampe hinein um zu beurteilen, ob das Zentrum dieses Kegels genau dort hinscheint, wo man es hinhaben möchte. (Hauptaufgabe beim Fernsehen)

Preisfrage: Was macht Stefan in unserem Beispiel eigentlich falsch?
Richtig, Er lässt das zweite Auge offen.

Pressewurst.

Filed under: | Mathias | 30. Nov 2004 | 10:39 Uhr

currywurst

Ich interessiere mich weder besonders überschwänglich für die Bundesliga, noch läuft mir zwangsläufig das Wasser im Munde zusammen, wenn ich an eine Rindswurst denke. Vor gut drei Wochen jedoch, da habe ich beschlossen, dass die Frankfurter Eintracht nicht in die erste Bundesliga aufsteigen darf. Vorerst jedenfalls, und wer mich kennt ahnt es bereits – wegen einer simplen Rindswurst.

Aber der Reihe nach.

Früher gab es drei Arten von Eintrittskarten. Die VIP-Karte für die Häppchenfraktion, die Pressekarte für die, die arbeiten mussten und die vulgäre Eintrittskarte, bei der man im Zweifelsfalle in so etwas ähnlichen, wie einem Käfig mit Sicht auf das Spielfeld gezwängt wurde. Wehe dem, der unter Platzangst leidet.

Heute hat man es gerne komplizierter.
Es gibt eine Vielzahl von Karten und Bändchen. Die Menge ist derartig unübersichtlich, dass man sich manchmal mit dem Kontrolleur zu der aufgestellten postergroßen Tafel begeben muß, um besser abgeglichen werden zu können.

Da die Kollegen vom ZDF das eigentliche Spiel übertrugen, waren Stefan und ich für die Interviews vor dem Spiel, in der Halbzeit, und nach dem Spiel zuständig. Eine vortreffliche Chance für uns, die Schweinekälte in einem leeren Pressebereich mit heissem Kaffee und einer Rindswurst zu überbrücken.
Doch Pustekuchen. Bereits am Eingang wurden wir abgewiesen.
Die grüne Karte da, die wir um unseren Hals hängen hatten, war zwar eine Pressekarte, aber nur solange gültig, bis der Schiedsrichter das Spiel angepfiffen hat. Ich frage natürlich, bei welcher Art von Presseverteter eine solche Karte für einen Sinn macht, die den Besuch der Pressekonferenz nach dem Spiel verbietet. Wer Stadionkontrolleure kennt, weiß um die Qualität ihrer Antworten und wundert sich trotzdem immer wieder neu, wie weit es manche Menschen im Leben bringen.

So stellen wir also fest, dass wir die denkbar dämlichste, aller Karten umhängen hatten, kehrten genervt um und suchten nach unserem Aufnahmeleiter. Der steckt uns diskret, fast schon, als würden wir einen konspirativen Deal abwickeln, eine abgegriffene andere zu. Das war seine und (dem Herrgott sei dank) sogar während des Spiels gültig.

Wie erwartet, haben sie nur einen von uns passieren lassen, während der andere seine “Bestellung” durch die offene Tür durchgab. Da Stefan keine Wurst wollte, konnte ich alles mit einem Gang abwickeln, aber was war das jetzt? Die Wurst darf nicht mit hinaus. Ich darf sie nur im Presseraum essen und nicht neben meinem Kollegen vor der Tür. Warum? Weil man sie als Wurfgeschoss verwenden könnte.

Hätte ich doch bloß nicht gefragt.

So legte ich die angebissene Wurst wortlos auf einen Tisch und ging mit Stefan kopfschüttelnd zurück in den eisigen Innenbereich des Stadions. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine spezielle Pressewurstkarte gibt, die einem Pressevertreter erlaubt, auch während des Spiels im Innenbereich des Stadions eine Rindswurst zu essen. Bis ich allerdings eines fernen Tages diese Ehrenkarte bekomme, werde ich dieses spezielle Wurfgeschoß ganz normal am Kiosk vor der Tribüne kaufen und dort verdrücken, wohin ich mit einer Pressewurst nicht darf.

Und solange möge die Eintracht auch sportlich zweitklassig bleiben.

Der Kinderchor.

Filed under: | Mathias | 29. Nov 2004 | 16:51 Uhr

weihnachtsmarkt

Lust auf Abenteuer? Warum sich nicht einmal von einer Herde durchgeknallter Eltern überrennen lassen? Wie? Ganz einfach. Versuchen Sie auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt eine Sendung mit einem Kinderchor zu machen.

Am besten macht man das Samstags, wenn ganze Familenverbände den Markt überfluten. Und wer die verschärfte Tour will, der bucht zusätzlich noch das Erste-Mal-Paket. Das bedeutet, dass sowohl die Kinder, als auch deren Eltern zum ersten mal öffentlich auftreten. Die Kinder, als Wundersänger – die Eltern, als deren hysterische Groupies.

Früher, als ich noch dafür sorgen konnte, dass der Dreikäsehoch überhaupt ins Fernsehen kommt, wurde ich diskret angetippt und auf das große Talent hinten links aufmerksam gemacht. Heute stehe ich den gleichen Vätern eigentlich nur im Weg herum, während sie Teil zwei (“Die frühen Jahre”) der sechsteiligen Dokumentation über Soul-Sina drehen, ihrer Tochter.

In der für Kameramänner strategisch so wichtigen ersten Reihe stehen dann noch die Mütter herum und fangen (wild um sich fuchtelnd) alles ab, was den Kleinen irritieren oder gar verunsichern könnte. Man sieht hier auf dem Bild übrigens eine sogenannte heisse Probe, in der alles genauso geordnet abläuft, wie später in der Sendung. Also helles Hemdchen, leuchtende Kinderaugen und alle fein säuberlich aufgereiht, wie die Orgelpfeifen. Wo das auf dem Bild zu erkennen sei? Also bitte, was haben sie von 20 Kindern mal 2 Elternteile erwartet?

Der Moderator war viel schlimmer dran. Den wollten sie gar nicht erst zum Befragen der Kinder durchlassen. Soweit kommt’s noch, dass sich jemand durchdrängelt. Also mussten wir an dieser Stelle abbrechen und neu ansetzen. Willkommen bei den Vorteilen einer Aufzeichnung. Nicht alle Eltern würden mit einem Fernsehteam so respektlos umgehen. Wenn sie allerdings vom Kinderchor des eigenen Hauses kommen, dann kann das etwas anders sein.

Der Daschner Prozess.

Filed under: | Mathias | 26. Nov 2004 | 03:38 Uhr

fotohandy

Oft erkennt man die Tage, an denen man besser zuhause geblieben wäre, bereits beim verlassen der eigenen vier Wände. Ich musste heute morgen schon um 5:45 Uhr in die eiskalte Dunkelheit hinaus. Grund: Das zu erwartende großes Mediengedränge wegen des Daschner Prozesses.

Ein handflächenbreiter rosa Streifen ist in der Nacht auf der Beifahrerseite meines Smarts aufgesprüht worden. Er beginnt zwei Wagen vor mir am Rückspiegel eines schwarzen Clio und reicht bis Mitte eines alten VW-Passats hinter mir. Ich wusste ja, dass es Unglück bringt, wenn man schon vor dem Frühstück das Haus verlässt. Immerhin – der Wagen startet, trotz der wirklich eisigen Kälte, ohne Probleme.

Nach gut hundert Metern steige ich wieder aus und kratze fluchend die erneut einfrierenden Scheiben frei. Was für einen dämlichen Eiskratzer ich doch habe. Einen mordsmäßigen Griff aus rutschfreiem Neoprengummi, gleichzeitig aber die Kratzfläche so dumm gewölbt, dass man damit nur zwei schmale Streifchen an den Enden freilegt. Ich pfeffere das blöde Ding in den Fußraum und nehme mir die dafür bestens geeignete Sparkassencard.

Endlich bin ich auf den Weg nach Frankfurt.

Ich liege gut in der Zeit und kann es mir leisten, einen Bäcker zu suchen.
In der Wiener Feinbäckerei, werde ich erst einmal ansatzlos angemault, weil ich mich nach einer Käsestange erkundige. Käsestangen kommen (das muß man doch wissen!) frühestens um halb sieben. Interessant war die Bestrafung für diese kesse Vermutung. Ich durfte der unappetitlichen Verkäuferin die 80 Cent für die beiden Baguettebrötchen nicht in die kleine fettige Hand hineinzählen, sondern mußte sie demütigst in die gewölbte Schale auf der Theke legen. Hätte ich mich noch zusätzlich, wie ein Japaner verbeugen sollen?

Ich fahre zum Pakplatz und gehe zum vereinbarten Treffpunkt, wo ich Klaus, unseren heutigen Aufnahmeleiter auch schon treffe.

Und?

Nix und. Wir sind zum Gericht, haben den halben Tag dort vor der Tür gestanden und uns den Hintern abgefroren. Kein Richter, kein Anwalt, kein Angeklagter. Nur ein müder Aufsager gegen 9 Uhr, den sowieso niemand sieht. Drei eigene Teams sind eh’ vor Ort und um 14 Uhr kommt die nächste Schicht, die dann was zu tun bekommt.

Situationen, in denen man zu einer willkommenen kleinen Touristenattraktion für vorbeikommende Schüler wird, die sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollen, ihr neues Fotohandy damit auszuprobieren, sich gegenseitig mit einem echten Fernseh-Mikro (“ist ja kewl!”) zu fotografieren.

Sagte ich bereits, dass es Tage gibt, an denen man besser zuhause bleibt?

Früh übt sich.

Filed under: | Mathias | 22. Nov 2004 | 05:59 Uhr

kurparkkoffer

Heute auf der Straße beobachtet: Zwei, vielleicht vier Jahre alte Bengel, hatten sich in der Wolle, und versuchten nun, wie die Kesselflicker zu fluchen. Wenn Kinder Erwachsene nachahmen, kann das ziemlich komisch werden. In diesem Fall, baut sich plötzlich der eine vor dem anderen auf, zeigt ihm die geschlossene Faust mit abgespreiztem kleinen Finger und beschimpft ihn wüst mit “Mixer!”

Das war der witzige Teil.

Weniger witzig war das dumpfe Gefühl in Wiesbaden im Park hinter dem Kurhaus. Dort stehen in drei Grüppchen arrangiert, verschiedene Koffer und Taschen aus Metall in der Weltgeschichte herum, geradeso, als hätte sie jemand vergessen. Eigentlich ein fröhliches Kunstwerk und mulmig wird einem bei dem Anblick sicher erst seit dem 11 September 2001.

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