
Immer wenn ich in Redaktionen Lust auf einen Kaffee verspüre, suche ich nach der versifften Ecke mit dem berühmten tischhohen WG-Kühlschrank mit Kordelverschluß. Auf ihm steht neben einer eingerissenen Packung Ja!-Kaffee eine stinkende, meist schwarze Kaffeemaschine. Daneben mahnt eine verbeulte Dallmayerdose als Kaffeekasse und wenn der Blick auf dem Boden wandert, muffelt da ein alter Karton in dem früher einmal Fotokopierpapier verpackt war, überfüllt mit Filtertüten und Bananenschalen vor sich hin.
Ausserdem sind da noch die 16 unterschiedlichen Tassen, die scheinbar um eine Packung Zuckerwürfel arrangiert wurden. Drei sind noch halb gefüllt, vier haben keinen Henkel mehr und eine hat im letzten Sommer auf Kofu bei einem Töpferkurs von Susanne das Licht der Welt erblickt und will einfach nicht kaputt gehen.
Direkt neben der Zuckerpackung liegt eine Tasse, die vor ein paar Tagen umgefallen ist und die Hälfte der Zuckerwürfel aufgelöst hat. Die Gefahr ist aber nicht mehr akut, denn die Pfütze ist mit einem dunkelbraunen Rand bereits eingetrocknet.
Mittendrin entdecke ich eine einzelne Tasse, die noch ungebraucht aussieht. Bevor ich die nehme, taste ich nach meinem Portemonnaie um mit einer großzügigen Spende mir einen schlecht gekochten Kaffee völlig überteuert einzuhandeln. Kaum ist dieser Solibeitrag in der Dose, könnte ich mich für dieses voreilige dummhöfliche Manöver schon wieder ohrfeigen.
“Lass ruhig, da zahlt eh nie einer was ein.”, sagt der Redaktionspraktikant, nimmt sich die freie Tasse und macht für mich mit dem, an einer Packschnur baumelnden Bleistift, einen Strich bei “Gast” auf einer Liste, die schief und ausgeblichen an der Wand klebt.
“Ach, – schau doch mal da hinten im Schrank, da könnten noch freie Tassen drin sein.”
Dort steht natürlich keine und so nehme ich mir eine gebrauchte vom Stapel und will sie schon mit dem Wasser einer alten Sprudelflasche notdürftig auf dem Klo spülen. Zum Glück betritt genau in diesem Augenblick immer jemand die Szene, der mein Dilemma erkennt und mir mit der Lieblingstasse eines nicht anwesenden Kollegen aus der Patsche hilft.
Ich kenne das so, seit ich Redaktionsbüros betreten darf.
Und heute?
Heute bringt man sich in modernen Büros seinen Kaffee selber mit. Nee, wirklich. Man hat ihn in der Handtasche, oder im Rucksack und jeder genau die Sorte, die ihm schmeckt. Gemeint sind Pads. Das sind sozusagen runde Teebeutel in denen Kaffee drin ist. Die legt man in eine spezielle Kaffeemaschine ein, drückt auf einen Knopf und nach kurzer Zeit kommt mit dem Geräusch, der an eine Espressomaschine erinnert, Kaffee heraus. Der Nächste wirft das Pad des Vorgängers weg und legt das eigene ein. Keine Kaffekanne zu spülen, keine Kaffeekasse zu führen und an den Nachschub muß jeder selber denken.
Schon machen sich neue Marotten breit.
Kollegen tauschen Pads untereinander aus, als ob sie Fussballbildchen von Panini sammeln und in ein Album kleben wollten. Manche schulden sich noch ein Pad von der Gesamtkonferenz.
“Hier, probier mal”, sagt Kerstin gerade verschnupft zu Claudia und holt erst einen Lippenstift, dann eine Schachtel “ob” und schließlich die Tüte mit den neuen Jacobs-Pads aus der Handtasche. Ja klar, die mit der neuen Crema.
Und wer es so wie früher haben will, der kauft sich eine Packung Kaffee, reißt sie genussvoll auf und stopft sich seine EcoPads.
Seit gestern abend habe ich nun meine eigenen Pads, nachdem ich mir etwas verschämt bei Thomas ein Pad ausleihen musste. Heute morgen habe ich meine Verlässlichkeit dadurch demonstriert, dass ich extra bei ihm vorbei ging und das geliehene Pad zurückgab.
“Und was hat deine Packung gekostet?”
“Ein Euro sechsundfünfig”
“Echt? Wo haste die denn gekauft?”