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Kuriositätenkünstler

Abgelegt unter: | Mathias | 09. Dez 2004 | 04:39 Uhr

fatkingkonrad

Erfahrene Kameramänner wissen sehr genau, wie nah sie einem Studiogast auf die Pelle rücken können und naturgemäß befindet sich diese unsichtbare Schranke zur Intimsphäre bei jedem woanders. Wo genau, das hat man im Gefühl. Oder auch nicht. Manchmal treibt dieser Umstand allerdings auch kuriose Blüten.

Genau genommen hatten wir sie beide über Bord geworfen. Ich meine den Auftritt von Fat King Konrad auf einem der vergangenen Hessentage und es fing eigentlich auch ganz harmlos an, zumal wir uns ja schon aus der Late Lounge kannten. Ich wusste von seiner Spontanität und kannte auch sein Programm. Um dem nun gerecht zu werden, bin ich mit meiner Kamera diskret auf die Bühne gekommen.

Fat war gerade dabei einen gespielten Witz vorzutragen. Er handelt von der Begegnung zweier Männer. Der eine geht aufrecht, der andere gebückt. Fat läuft dazu auf der Bühne immerzu von links nach rechts. Einmal gebückt, einmal gestreckt und karikiert so die beiden. Als ich in den Saal schaue sehe ich, dass alle, wie bei einem Tennisspiel, den Kopf hin und her bewegen und mir kommt die Idee, dass ich diese Bewegung aufnehmen, und parallel zu Fat seine Gänge mitlaufen könnte. Eine äußerst schweißtreibende Angelegenheit angesichts der rund 12 Kilo schweren Kamera auf meiner Schulter.

Ich fing also zart an, Konrad auf der Bühne von links nach rechts zu verfolgen. Hin und her - Hin und her. Jetzt bemerkt er mich, findet’s komisch und steigert das Tempo. Mein Kollege Mike, der die Kamera vor der Bühne machte, zog grinsend auf und brachte mich mit ins Bild. Nun sahen alle im Ü-Wagen, wie ich mit Fat King Konrad praktisch schon parallel um die Wette renne. Hin und her - Hin und her. Die ersten Zuschauer bemerken das und fangen an zu kichern. Die Regie gibt unter Lachtränen die Anweisung mich jetzt offiziell mit ins Bild zu nehmen. Hin und her - Hin und her - Hin und her.

Der Rhytmus wird immer schneller.

Plötzlich bleibt Fat King Konrad stehen und ich renne mit voller Wucht von hinten auf ihn auf. “Hee” ruft er künstlich entrüstet “wo willst Du denn noch drehen?” Er deutet auf seinen Hintern und der Saal gröhlt. Schweißüberströmt liegen wir uns in den Armen und mir fällt einer seiner Sprüche ein:

“Stopp, bewegen Sie sich nicht! Ich möchte Sie so vergessen wie Sie sind!”

[Foto: Fat King Konrad.]

AJ-Anton

Abgelegt unter: | Mathias | 06. Dez 2004 | 10:55 Uhr

anton

Sekunden nach dem Ende der Vipshow springt ein Rentner auf und stürmt mit seinem neongrünen Pastikordner aus dem HL-Markt, auf unseren Studiogast Sabrina Setlur zu. Zwei Meter vor seinem Ziel hält er inne, schaut sich um und macht erst einmal Platz auf einem in der Nähe stehenden Tisch.

Der berüchtigte AJ-Anton ist wieder in Aktion. AJ, wie Autogrammjäger.

Er klappt den Ordner auf, in dem alles generalstabsmäßig bis ins kleinste Detail vorbereitet ist. Rechts unter einer Karsichtfolie sehe ich einen rötlichen Karton hervorlugen auf dem Sabrina Setlur später unterschreiben soll. Etwas darüber klemmt an einer überdimensionalen weißen Büroklammer aus Plastik, ein gefalteter und an sich selbst adressierter Umschlag. Sollte zufällig Sabrina keine Autogrammkarte bei sich haben, wird Anton nicht einen Augenblick zögern, ihr diesen Umschlag unterjubeln zu wollen, damit sie ihm eine schickt. Ich stelle mir das gerade mal vor. Sabrina Setlur steht also auf der Straße irgendwo in Rödelheim und sucht verzweifelt nach einen Briefkasten um Anton eine Autogrammkarte zu schicken.

Auf der linken (freien) Seite des Ordners, etwa in Höhe des Umschlags, klemmen 3 Edding-Stifte, die an der Verschlusskappe mit Klettband umwickelt sind. “Das hat er von Kameramännern”, denke ich mir, denn wir machen sowas hin und wieder bei größeren Sendungen, wenn wir viel in Abläufen herumkritzeln müssen und mit Hilfe dieser Technik, unsere Hände wieder freibekommen, weil wir so die Kulis unkompliziert an die Kamera pappen können.

Unterhalb der Stifte klemmt ebenfalls mit Klett ein kleines Frottetuch, damit sich der Star bei Bedarf die Hände trockenreiben kann, bevor er zur Tat schreitet. Ich bin mir sicher, dass er eine Dose Wasser im Sakko hat, sollte Sabrina danach fragen.

Hat sie aber nicht. Sie hat von all dem nichts mitbekommen, weil sie noch in einem Gespräch über Yoga mit dem Moderator Holger Weinert vertieft war.

Das Autogramm gab sie anschließend genauso, wie wir das alle kennen. Sie kam vorbei, nahm sich den dargebotenen Stift, schrieb ihren Namen auf das Papier und ging zum nächsten Autogrammjäger. Als Anton nach einer Karte fragte, hob Sabrina ihre Hand und winkte eine junge PR-Mitarbeiterin herbei, die einen Schuhkarton voller Promo-CD’s unterm Arm hatte. Sie fischte eine heraus und legte sie Anton auf den Tisch. Er sah nur kurz hin und zückte seinen Umschlag. Schließlich wollte er ja eine Autogrammkarte und nicht so einen albernen neumodischen Quatsch.

Vorsichtig nahm er die Verfolgung auf und es kam, wie es kommen musste. Sabrina entschwand fast unmerklich aus dem Studio. Anton kam zurück, klappte mit zusammengekniffenen Lippen seinen Ordner zu und ging nach Hause.
Die Promotions CD hat er liegengelassen. Zwei Mädchen versuchten sie unauffällig an sich zu nehmen. Aber wie gesagt: CD’s sind nicht Antons Sache. Zumindest nicht, wenn sie nicht unterschrieben sind.

Das Panglas.

Abgelegt unter: | Mathias | 03. Dez 2004 | 12:58 Uhr

panglas

Was dem Koch seine Mütze, der Nonne ihr Kreuz, dem Schiedsrichter seine Pfeife, ist dem Kameramann sein Panglas. Manche sagen auch Grauglas oder Betrachtungsglas zu diesem Ding. Ich sage Panglas, weil ich das einerseits so gelernt habe und andererseits auch davon überzeugt bin, dass es von dem wunderschönen fotografischen Fachwort panchromatisch stammt. Damit sind wir auch schon am Knackpunkt dieses Monokels. Das Panglas ist nämlich das Statussymbol für den sogenannten lichtsetzenden Kameramann, dem Häuptling unter den anwesenden Kameraleuten.

Er ist der Pate, der uns beschützt, oder, mit den Füßen in Beton, in den nächsten Fluß werfen läßt. Er wird deshalb lichtsetzend genannt, weil er ganz alleine bestimmt, wieviel Lampen wo und wie hängen sollen und wohin diese mit welcher Intensität gerichtet werden. Dieses kleine dumme Panglas ist also mehr, als nur eine grau eingefärbte Glasscherbe. Sie zeigt allen Anwesenden, wer hier das sagen hat und von machem wird gemunkelt, dass er es selbst zuhause noch unterm Pyjama trägt.

Jedoch genau, wie im richtigen Leben, so sterben auch in unserem Beruf langsam die Silberrückengorillas aus. Heute versteckt die nachrückende Generation fast schon verschämt dieses wichtige Zeichen der Herrschaft in der Brusttasche ihres Flanellhemdes. Mehr noch, man legt neuerdings mehr Wert auf Teamarbeit und Fairness, statt auf Disziplin und Gehorsam. Auch am Statussymbol selbst, wird eifrig gefeilt. Tat es früher noch das klassische Tiffen N°2, das ein bischen, wie eine Minibratpfanne aussieht, rümpft man darüber heute die Nase. Von modernen Lichtsetzenden Kameramännern erwartet man, dass sie wenigstens ein Glas von Harrison & Harrison ans begnadete Auge führen. Ist zwar doppelt so teuer, dafür erhält man aber auch eine coole Gliederkette, statt eines schnöden Nylonbandes.

Was aber, verdammt nochmal, macht man nun mit diesem bescheuerten Panglas?

Man benutzt es, wie eine sehr, sehr starke Sonnenbrille und schaut damit direkt in den Lichtkegel einer Lampe hinein um zu beurteilen, ob das Zentrum dieses Kegels genau dort hinscheint, wo man es hinhaben möchte. (Hauptaufgabe beim Fernsehen)

Preisfrage: Was macht Stefan in unserem Beispiel eigentlich falsch?
Richtig, Er lässt das zweite Auge offen.

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