Koalitionspapier

Die Verhandlungen zwischen SPD und Grünen fanden also auf einem Öko Hof statt. Das klingt zunächst nach dem Klischee einer pazifistischen WG. Norwegerpulli, selbstgetöpferte Tassen und so. Einen bizarren Nebengeschmack bekommt das alles aber, wenn man sich dort genauer umschaut. Denn direkt neben dem Hof ist eine amerikanische Kaserne. Und zwar so dicht, dass man sich gemeinsam eine Bushaltestelle teilt. Eine Airbase, deren Vorbild Fort Knox sein könnte. Mit Drahtzaun, Wachtürmen und Suchscheinwerfern, die aus frühen Agentenfilmen entsprungen sein könnten.
Fast habe ich das Gefühl Schwarzweiss zu sehen.
Während sich also alle Journalisten beim Warten die Beine in den Bauch stehen, schaue ich Leuten beim Einkaufen zu. Ich habe mich ja schon immer gefragt, wo die dicken Brieftaschen eigentlich ihr Geld lassen. Bei Aldi sieht man sie ja nur, wenn der Champagner im Angebot ist.
Hier auf dem Hof dürfen sie sich der Illusion hingeben, ganz gewöhnliche Menschen zu sein. Stundenlang könnte ich zusehen, wie sie beim Aussteigen den Pelz zurechtzupfen und so tun, als würden sie wie das einfache Volk einkaufen.
Der Ort, an dem Rot/Grün in Hessen einen linken Wechsel einläuten will.
Irgendwie hatte ich mir das aufregender vorgestellt.
Die endlos langen Tage und Nächte sind vorbei, die Schattenminister benannt und die Kolonne von Politikern mitsamt den wichtigen Korrespondenten zurück nach Wiesbaden geeilt.
Es liegt da. Achtlos auf einer Fensterbank im Öko-Hof vergessen.
Das Original, wie es die übernächtigte Sekretärin getippt hatte.

