Gewissensfrage

Ich erinnere mich noch genau an eine Diskussion, die wir unter Kollegen einmal zu dem Thema "hinhalten, oder helfen?" führten. Es ging um die moralische Kompetenz in unserem Beruf. Wann schaltet man die Kamera aus um jemanden zu retten? Was zeigt man, was lässt man weg?
Entzündet hatte sich diese Debatte an einem Vorfall bei einer Überschwemmung vor vielen Jahren in Indien. Ein amerikanischer Kameramann hatte ein Kind entdeckt, dass sich in einem Wasseloch irgendwie eingeklemmt hatte und nicht mehr herauskam. Verzweifelt versuchte es freizukommen und rief um Hilfe. Statt ihr aber zu helfen, drehte dieser Kameramann den gesamten Todeskampf des kleinen Mädchens. Wie wir weiter erfuhren, begründete er damals sein Handeln damit, dass er dem Mädchen sowieso nicht mehr helfen konnte und darum den dringenden Wunsch hatte dieses unglaubliche Unglück der Weltöffentlichkeit mit möglichst eindringlichen Bildern vor Augen zu führen.
Vielleicht zwei Jahr später, ich war noch Kameraassistent, bot mir ein Redakteur seine Hilfe an, vorzeitig Kameramann zu werden. Er hatte, wie man so sagt, die besten Beziehungen und so war ich gut damit beraten, sein Angebot auch ernst zu nehmen. Die Bedingung hatte es aber in sich: Kriegsberichterstattung in Sarajevo. Ohne lange zu überlegen, lehnte ich ab und mußte ein Jahr länger darauf warten Kameramann zu werden. Wenn man sich auf das Leid anderer konzentriert, macht man nicht nur hierzulande Karriere, so ist das. Er machte sie, obwohl gut zwei duzend Kollegen in seiner Umgebung im Job besser waren. Er war dafür aber in Krisengebieten unterwegs gewesen.
In diesen Tagen musste ich öfter daran denken.
Ein Kommentar von: Mario | 8. Januar 2005 | 01:38 Uhr
Sex sells!
Pain pays!
Ein Kommentar von: mikklon | 10. Januar 2005 | 04:02 Uhr
habe eben mal wieder in Dein Blog geschaut & Deine nachdenklichen Zeilen gelesen. Die Antwort von “Mario” ist leider wahr. N Bekannter von mir ist fast ausschließlich in Krisengebieten (hört sich doch viel netter an als Kriegsgebieten) als Kameramann unterwegs. Zu Hause hat er Frau & Kinder, aber wie so viele denkt er auch, die Sache immer im Griff zu
haben & ungeschoren davon zu kommen. Die Amis wollen nach seiner Wahrnehmung immer die besonders blutigen Bilder, wir bekommen die etwas abgespeckten Versionen zu sehen. Pain pays!
Ein Kommentar von: ramse | 20. Januar 2005 | 15:50 Uhr
Hey - mir ist eben fast schlecht geworden beim Lesen der Zeilen über den amerikanischen Kameramann. Ehrlich gesagt, weiss ich manchmal nicht, wie Kameramänner (oder Touristen…) SOLCHE Bilder wieder aus ihren Köpfen kriegen. Manch andere könnten nicht mehr ruhig schlafen… Oder gelangen solche Bilder nur aufs Tape, nicht ins Herz? Und sind diese Bilder sowieso nicht so schlimm und bald vergessen, weil andere - möglichst noch schlimmere Bilder - folgen werden?
Ein Kommentar von: @ramse | 25. September 2005 | 11:21 Uhr
hi ramse…
was du da geschrieben hast…. unglaublich…. es hat mich tief berührt…. (hört sich voll panne an) aber es is so…. du hast es genau auf den punkt getroffen…..