Konzertangst

Heute muß Daniel ran. Ob er will oder nicht.
Seine Kamera wird am abend live im Fernsehen zu sehen sein. Nägelkauend denkt er darüber nach, wie er da hindurch kommt. Dabei hat er nicht einmal eine schwierige zugeteilt bekommen. Er sitzt in der Ehrenloge genau gegenüber der Bühne und ist im wesentlichen für die Totale zuständig. Er kann froh sein, nicht die andere (leichte) Kamera machen zu müssen. Der Kollege zum Beispiel, der später den Dirigenten drehen wird, kann einem wirklich leid tun. Er muß für die Dauer des gesamten Konzerts, mit seinem Leih-Smoking aus dem Fundus auf einem Alukoffer kauern, der irgendwo im Orchester hinter den Oboen eingequetscht steht.
Einmal im Jahr findet das Rheingau Musikfestival statt. Das bedeutet kneifender Anzug, Konzentration und muksmäuschenstilles arbeiten. Da das Fernsehen in diesm Fall ein ganz normaler Gast ist, also bei einer öffentlichen Aufführung in Anwesenheit von zahlendem Publikum dreht, muß sich die Rasselbande von Kameramännern zusammenreißen. Die Order ist klar: Bloß nicht auffallen, nicht ins Mikrofon des Headsets brebbeln und schon garnicht jemandem die Sicht versperren.
An sowas kann Daniel jetzt sowieso nicht denken. Es ist sein erster Einsatz bei der Livekamera und das war nicht einmal geplant. Vorgestern, also pünktlich zur Probe, quittierte Peter mit einer Magen-Darm Infektion den Dienst und Daniel wurde da jetzt einfach hineingeschubst.
Machmal.
Unser Heiligtum während dieser drei Tage ist ein ziemlich dicker Ablauf, denn keiner kann sich die enorme Menge von 150 bis 300 Schnitte im Kopf merken, die er im Verlauf eines Konzertes zu machen hat. Er ist so dick, dass die Aufnahmeleitung ihn schon nicht mehr tackern kann.
Jeder Kameramann hat hier sein eigenes System, wie er diesen Plan verarbeitet. Der eine macht daraus kleinere chronlolgische Päckchen, die er jetzt doch wieder tackern kann, andere lassen den großen Packen wie er ist, lochen ihn und heften ihn dann komplett in einen Aktendeckel. Daniel wiederum, gehört (heute noch!) zu der Gruppe der Klarsichtfolien-Eintüter. Das sind die, die das Stück in seine drei Akte zerlegen und dann Aktweise in Klarsichtfolien einpacken. Ungelocht und ungeheftet. Der Vorteil dieser Methode liegt in ihrer Flexibilität. Wenn wir nämlich die Änderungen der Regie bekommen, können jetzt die zwei anderen Systeme zusehen, wie sie diese Änderungen in ihre Mappen einbauen. Der Tütentyp hingegen, nimmt den Packen aus der Folie und tauscht die Änderungen einfach aus. Ich hätte ja Angst ein Blatt dabei zu verlieren.
Mittlerweile sind die Proben abgeschlossen und im Smoking warten wir darauf, dass es endlich losgeht. Während wir erregt noch darüber diskutieren, warum eigentlich die amerikanischen Polizisten den Verhafteten immer auf den Kopf fassen, ihn herunterdrücken und dann ins Auto schieben, schaut Daniel verstohlen den feinen Menschen dabei zu, wie sie sich gackernd zu ihren Sitzen schieben.
Ein bischen tut er mir ja leid, wie er da auf seiner Unterlippe kaut. Seine ganze Aufregung konzentriert sich auf den Anfang. Da hat er eine riesige Totale zu machen, auf der die Titel eingeblendet werden. Sobald sie verschwunden sind, soll er behutsam auf das Orchester zufahren und auf dem ersten Geiger enden. Zugegeben, das klingt jetzt nicht sonderlich schwer, aber wenn man hinzufügt, dass Daniel nicht irgendwann, sondern genau bei einem bestimmten musikalischen Akzent dort angekommen sein soll, wird die Sache schon um etliches spannender, nicht? Auch nicht ganz unwichtig: Daniel ist derjenige von uns, der anfängt. Der erste, der Rotlicht bekommt. Und das ganze auch noch live.
Der Gong schlägt.
Wir klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und jeder geht zu seiner Kamera.
Daniel hat den weitesten Weg, weshalb er seine Geschwindigkeit mit jedem zweiten Schritt etwas erhöht. Auf halben Weg bleibt er abruppt stehen, wird kreidebleich, winkt uns unsicher zu und kommt schon gerannt. Sein Ablauf!, sein Ablauf! Er hat seinen Ablauf auf dem Kamerakoffer hinter der Bühne beim umziehen liegengelassen. Jetzt aber schnell. Er muß zusehen, daß er noch seinen Puls herunterbekommt, bevor es losgeht, sonst sieht man das bei seiner Ranfahrt auf den Geiger. Der Publikumseinlass ist bereits abgeschlossen und das Licht im Saal gedämpft, als er endlich an seiner Kamera Platz nimmt.
Noch drei Minuten bis zur Sendung.
Ich sehe, wie er noch zweimal tief Luft holt und dann seine erste Einstellung einrichtet. Im Fernsehen laufen noch zwei Trailer und dann geht es auch schon los. Über einen Monitor kann ich Daniels Bild sehen. Der letzte Titel blendet aus und Daniel fährt langsam auf die erste Geige zu. Vielleicht einen Hauch zu schnell, fängt sich aber wieder und endet tatsächlich auf dem Punkt genau dort, wo er hin sollte.
Uns allen fällt ein Stein vom Herzen und ich sehe zu ihm hinüber. Obwohl es dunkel ist, kann ich sein erleichtertes Lächen sehen. Er hat es geschafft. Er hat die Rotlichtangst überwunden, die Angst davor, nicht Punktgenau anzukommen. Die Angst anfangen zu müssen.
Jetzt kann also nichts mehr schief gehen. Willkommen im Club, Daniel!
Denkste.
Er hatte die Rechnung ohne den Ablauf gemacht.
Als er nämlich durch die Freude abgelenkt, etwas spät nach seinem nächsten Schnitt schauen wollte, merkte er, dass der Ablauf noch in der Plasikhülle steckte.
Etwas übereifrig zog er den Stapel heraus und schleuderte ihn aus Versehen über die Brüstung der Loge. Da die Blätter lose waren, kann man sich jetzt vorstellen, wie sie in den Rang Flugblattmäßig hinuntersegelten.
Das war vor einigen Jahren.
Auf Weihnachtsfeiern bei denen man sich gerne an solche alte Kamellen erinnert, lacht Daniel inzwischen auch Tränen, wenn er die Geschichte von uns hört.