Kylaloo

StartseiteNeu hierkontaktImpressumdownloads

Als Arafat mich besuchte.

Abgelegt unter: | Mathias | 12. Nov 2004 | 07:02 Uhr

arafat

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich mich mit Arafat das erste mal zu einem Gedankenaustausch in Wiesbaden traf. Muß so im September 1996 gewesen sein. Ich war damals noch ein einfacher Kameramann, der im badezimmergroßen Wiesbadener Studio des Hessischen Rundfunks fürchterlich früh antanzen musste, weil der enorme Sicherheitsaufwand das nötig machte. Zusätzlich wurde mein Wohlbefinden durch den obligatorischen und zwickenden Anzug getrübt, in dem ich sicher genauso ungelenk aussah, wie alle anderen Kameraleute, die sich diesen Beruf gerade deshalb ausgesucht haben, damit sie sich nicht in solche Anzüge zwängen müssen.

Da wir solche Besuche in unserer Gegend nicht gerade täglich erwarten, war der halbe Hessische Rundfunk in Sachen Arafat auf den Beinen. Das sind so diese Großkampftage, an denen Kamerateams sehr leiden können und unerfahrenere und unsichere Journalisten jetzt hysterisch alles filmen lassen, was auch nur im entfentesten nach einem PLO Tuch aussieht. Krampfhaft versucht jeder Redakteur ein Thema mit Palästinabezug zu finden, was in den politischen Redaktionen immerhin ja noch halbwegs zu machen ist. Was aber mit dem Sport, der Kultur, der Familienredaktion? Wer schon immer wissen wollte, was Märtyrer wirklich sind, sollte an solchen Tagen ein Kamerateam begleiten.

Ich hatte an diesem Tag irgendwie Glück, denn ich stand im oben erwähnten Ministudio und wartete mit zwei weiteren Kollegen auf unseren Einsatz. Unser Tagesauftrag war ein Interview der Chefredakteurin Luc Jochimsen mit Herrn Arafat und ich war für das große Gesicht von ihm zuständig - mehr nicht.

So schlurfte ich also auf diesen großartigen Moment wartend, den Gang vor dem Studio auf und ab und dachte über ihn nach. “Appetitlich sieht er nicht gerade aus, mit seinem komischen Bärtchen”, denke ich, und “wie wird er riechen?” Arafat und Rasierwasser? Ich drücke die Kippe aus und gehe wieder zurück ins Studio zur mittlerweilen 7. Probe. Irgendwie dämlich. Wir proben tausendmal genau das, was wir schon tausendmal gemacht haben. Warum? Ach ja, der Arafat kommt heute…

Während ich darüber nachdenke, ob man ihn überhaupt wiedererkennen würde, wenn der mal nicht mit seinem Geschirrtuch auf dem Kopf auftaucht, kommt Bewegung in die Mannschaft. Jetzt geht plötzlich alles ganz schnell. Alle laufen durcheinander, Kommandos werden geschrien. Einer sucht nach der Maske. “Wo ist die Maske? Der Arafat muß doch vorher noch in die Maske!” Die Stimme droht sich zu überschlagen.

Falscher Alarm.

Erstens war die Maske genau da, wo sie hingehört und zweitens war Arafat nicht mal ansatzweise im Anmarsch.

Eine halbe Stunde später kommt der palästinensische Sicherheitsstab und will komplett in das viel zu kleine Studio. Hitzige Debatten beginnen, denn die 20 Sicherheitsbeamte würden niemals hineinpassen. Wer bleibt, wer geht? Jetzt zeigt es sich, wer im Hause wichtig ist. Man einigt sich auf die Hälfte. Bedeutet: sowohl die Hälfte der Händeschüttler, als auch die Hälfte der Sicherheitsbeamten muß raus. Mitten in diesem Chaos stehe ich und versuche halbwegs den Sichtbereich meiner Kamera freizuhalten, als Arafat plötzlich in der Studiotüre steht.

Schlagartig wird es still. Er lacht und schaut sich um, während der offizielle Begleiter ihn jetzt zu den wichtigen Leuten führen möchte. Sein Blick wandert etwas unentschlossen umher und plötzlich entdeckt er mich und strahlt. Etwas verlegen lächle ich zurück. Das scheint ihm gefallen zu haben, denn er löst sich vom geplanten Weg zur Chefredakteurin um schnurstracks auf mich zuzueilen und mich aufs herzlichste zu begrüßen und zu umarmen. Er ignoriert den komplett angetretenen journalistischen hessischen Hochadel, um mit mir jetzt ein kleines Schwätzchen zu halten. Aus dem Augenwinkel bemerke ich die Kollegen, die sich verstohlen die Hand vor den Mund legen und grinsend “hmpff” machen. Ich sehe aber auch die drüpierten Gesichter der anderen.

So kam es, dass ich ihn dann schließlich zur Maske führte, Yasser sein Interview gab, wir uns auf’s herzlichste wieder verabschiedeten und mich anschließend alle fragten, wie ich das denn hinbekommen hätte.

Irgendwie logisch, dass ich diesen Mann fortan mochte, nicht wahr?

5 Kommentare | hier schreiben!

  1. Ein Kommentar von: Peter | 12. November 2004 | 23:03 Uhr

    *Neid, Neid, Neid*. Da wäre ich gerne Dein Kabelzieher-Dingsbums gewesen. Der Artikel hat Meckerfrau ebenso gefallen wie mir, sie beneidet Dich um die charismatischen Momente, die selkten gestreut sind. Lass uns in Kontakt bleiben.

  2. Ein Kommentar von: Mario | 26. November 2004 | 13:26 Uhr

    Boah! Jetzt stöbere ich schon seit Tagen durch Deinen Blog, und just an dem Tag, an dem ich eigentlich garkeiten Zeit habe (Muss in 20min im Auto sitzen, bin aber nichtmal ansatzweise fertig mit mir und der Welt), ja genau an diesem Tag finde ich diese Geschichte, nein, erachte sie als lesenswert und BOAH, komme nicht los.

  3. Ein Kommentar von: Toaster | 6. Dezember 2004 | 19:24 Uhr

    Ich bin sprachlos: Wow! :-)

  4. Ein Kommentar von: grendel | 6. Dezember 2004 | 21:18 Uhr

    Ja, allerdinx, NEID :-D
    Ich stöbere erst seit ein paar Minuten hier durch und bin echt angetan von Deinem Blog. Feine Bilder.

  5. Ein Kommentar von: mikklon | 13. Dezember 2004 | 21:23 Uhr

    …es wird der selbe Besuch Arafats gewesen sein, als ein Kamerakollege in Benutzung der Kamera-Umgangssprache, ziemlich schnell ziemlich viel Aufmerksamkeit von den Jungs & Mädels mit den Jackenbeulern bekam. Seinen optimalen Kamerastandpunkt endlich findend sagte er: “… von hier aus kann ich gut schießen…” Das sind ungefähr die Worte, die jeder Friedmann-Bodyguard im Maintower TOTAL gerne gehört hätte. hihi…
    Ach so, als der Hubschrauber landete, war der Kollege übrigens ein wenig zu weit weg vom Arbeitsgerät. Der Windzug des Helikopters schmiß Stativ samt Kamera um…
    Shit happens!

    Mike

Trackback zu diesem Beitrag Permalink dieses Beitrags Kommentarfeed zu diesem Beitrag

XHTML | CSS | Atom | RSS | © 2008 by Mathias Hundt | made with WordPress 2.6.3